Am Fluss des Lichts
Es war am Abend, irgendwo im Vorgebirge des Himalaya. Der Tag hatte sich verneigt, und die Sonne schenkte dem Ganges ein goldenes Kleid, als ströme flüssiges Licht durch die unendliche Ebene. Auf einem Felsplateau saßen zwei Gestalten, still wie Teil der Landschaft, und doch vibrierte die Luft von etwas Unsichtbarem.Manchmal trug der Wind den Ruf eines Hirten herauf, das Klingen von Ziegenglocken, dann wieder Schweigen, tief und weit wie der Himmel selbst. Die Welt war gegenwärtig in Klang, in Duft, in Farben – und in einer Stille, die größer war als alles, was sie trug.
Der Schüler sprach leise, fast gegen seinen eigenen Atem:
„Meister… ich habe Angst. Angst vor meinem Ego.“
Der Guru schwieg, ließ die Worte wie Kiesel in den Fluss fallen. Dann sagte er:
„Schau deine Angst an. Welche Gestalt hat sie?“
Lange sah der Schüler in das Leuchten der Wasser. „Ich fürchte, mein Bild von mir zu verlieren. Dann bleibt nichts, woran ich mich halten kann.“
Der Guru zeigte auf die Sonne, die eben versank. „Auch sie geht unter. Doch ihr Spiegel bleibt im Wasser, zitternd, flüchtig, und dennoch schön. So ist dein Bild von dir: ein Spiegel, nicht das Licht selbst. Das, was du wirklich bist, leuchtet, auch wenn das Bild vergeht.“
Die Schatten dehnten sich, der Himmel färbte sich violett. Ein Windstoß brachte den Geruch von Erde und feuchtem Moos.
„Wenn ich das Ego loslasse,“ flüsterte der Schüler, „bleibt Leere. Ich falle ins Nichts.“
„Hör den Wind,“ sagte der Guru. „Und das Rauschen des Flusses. Zwischen den Tönen liegt Stille. Viele nennen sie Leere. Doch ohne sie gäbe es keinen Klang. So ist deine Leere kein Nichts. Sie ist der Raum, in dem alles lebt.“
Da begann der Schüler, die Pausen zu hören – zwischen Atem, zwischen Klang. Zum ersten Mal empfand er diesen Raum nicht als Drohung, sondern als tragenden Grund.
Der erste Stern glühte im Firmament. Der Schüler senkte den Kopf. „Ohne mein Ego weiß ich nicht, wer ich bin. Ich verliere mich.“
Der Guru nahm einen Spiegel, der neben ihnen lag. „Dein Auge sieht die Welt: Berge, Fluss, Sterne. Nur sich selbst sieht es nicht. Und doch zweifelst du nicht an seiner Wirklichkeit. So ist es mit deinem Sein: es bleibt, auch wenn kein Bild es zeigt.“
Unten im Tal glommen Feuer auf, wie kleine Sterne in der Dunkelheit. Oben öffnete sich der Himmel, endlos, reich, unermesslich.
„Aber was bleibt von mir?“ fragte der Schüler. „Die Welt verlangt Stärke, Erfolg, Glanz. Ohne das Ego – was bin ich wert?“
Der Guru sah hinauf. „Siehst du die Sterne? Keiner fragt nach Wert. Keiner sucht Beifall. Sie leuchten, weil sie sind. Ihr Wert ist ihr Sein. So ist es auch mit dir.“
Da hob der Schüler den Blick – und plötzlich dehnte sich etwas in ihm. Die Angst war noch da, doch leichter, durchsichtiger. Er fühlte den Wind auf seiner Haut, hörte die Erde atmen, sah das Leuchten des Himmels.
Es war, als spräche alles zu ihm: dass nichts fehlt, dass nichts zu beweisen ist, dass alles gut ist, wie es ist.
Und diese Erinnerung – an den Fluss aus Licht, an den Himmel voller Sterne, an den Lehrer und die Stille – blieb lebendig, ein inneres Echo, das nie verklang.
Ich wünsche allen ein gutes Gefühl von Liebe, Versöhnung, Freude und Dankbarkeit.
