Geschichten über das Leben

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Geschrieben von Peter Schmid

Das Märchen vom Steuerruder der Seele

11.12.25

Manchmal kommt das Leben daher wie ein Wirbelwind und verwüstet die schöne Ordnung in deiner Seele. Dinge, die eben noch fest und vertraut schienen, geraten durcheinander wie Herbstblätter in einer plötzlichen Böe. Und während du noch versuchst zu begreifen, was geschieht, spürst du ganz innen einen Punkt tiefer Stille – einen kleinen Kern, der unberührt bleibt.

Es ist, als würde dieser stille Kern dich anschauen und sagen:
Ich bin noch da. Ich war immer da.

Da stehst du also, mitten im Wind, und bemerkst, dass du am Steuerruder deines inneren Schiffes stehst. Wind in den Haaren, Regen vielleicht auf der Haut, vielleicht auch nur ein Licht, das sich zaghaft durch die Wolken tastet. Und die Welt fragt dich leise:

Mit welchen Gedanken willst du unterwegs sein?
Wo ist deine Liebe?
Wo ist deine Geduld?

Du hältst das Steuerruder fester – nicht aus Angst, sondern mit einer stillen Entschlossenheit. Du kannst den Sturm nicht stoppen, aber du kannst entscheiden, wie du durch ihn hindurchgehst. Und plötzlich merkst du: selbst wenn du einem lästigen, unablässigen Gedankenkreis den Stecker ziehst, darf dein Wohlwollen bleiben.

Die Gedanken zerplatzen dann oft in einem silbrig glänzenden Sprühregen, feinen Funken ähnlich, die friedlich davonfließen. Es ist kein Kampf, sondern ein Loslassen. Ein kleines Wunder. Und ja – du kennst das. Jeder Mensch kennt es, wenn er einmal ganz ehrlich in sich hineinhorcht.

Während du so weiterfährst, begegnest du anderen auf dem Meer des Lebens – Menschen, die nach Sinn suchen, nach Sicherheit, nach Erlösung. Manche von ihnen paddeln verzweifelt in Booten voller Regeln, Rituale und Bedingungslisten. Andere fürchten Verdammnis. Wieder andere verurteilen sich selbst, weil sie nicht bedingungslos lieben können.

Sie alle wirken, als hätten sie den Kompass verloren, obwohl er eigentlich in ihrer Brust schlägt.

Du schaust sie an – nicht von oben, sondern von Herzen – und erkennst, wie sehr sie sich anstrengen, gut zu sein. Und du spürst, dass spiritueller Eifer manchmal nur eine andere Form von Angst ist.

Doch die Wahrheit flüstert etwas anderes:

Liebe ist kein Wettbewerb.
Geduld ist kein Prüfstein.
Und ein menschliches Herz ist kein Fehler.

Als du weitersegelst, wird der Wind milder. Das Wasser trägt dich. Und in dieser Bewegung begreifst du etwas, das dir niemand geben oder nehmen kann:

Dass der Wirbelwind manchmal kommt, um zu zeigen, was in dir unzerstörbar ist.
Dass das Steuerruder deiner Seele immer in deiner Hand liegt.
Dass Gedanken vergehen dürfen wie silbrige Tropfen im Licht.
Dass Liebe und Geduld in dir wohnen – auch wenn sie manchmal nur leise flüstern.

Und dass die größte Freiheit darin liegt, sich selbst nicht mehr zu verurteilen.

So fährst du weiter, nicht als Held und nicht als Suchender, sondern als jemand, der weiß, dass sein Platz im Leben ein innerer ist.
Mit Wind im Haar.
Mit ruhigem Herzen.
Und mit einem leisen Lächeln, das sagt:

Ich bin unterwegs – und ich vertraue der Richtung.

Das Märchen von den Sorgen und dem Herzen

28.11.26

Es war einmal ein Mensch,
in dessen Brust zwei Wesen lebten,
so verschieden wie Tag und Nacht
und doch für immer miteinander verbunden.

Das eine Wesen waren die Sorgen.
Sie hatten schmale Schultern,
aber trugen gern viel zu schwere Pakete.
Sie gingen gebeugt,
nicht weil das Leben zu schwer war,
sondern weil sie alles im Voraus tragen wollten —
auch das, was vielleicht nie kommen würde.

Das andere Wesen war das Herz.
Es war ruhig,
nicht aus Gleichgültigkeit,
sondern aus Tiefe.
Wenn es sprach,
hörte man darin den Klang vieler gelebter Tage,
aber auch den Duft von Morgenluft.

Eines Abends,
als der Mensch müde war
und die Welt leiser wurde,
setzten sich die Sorgen und das Herz
an einen runden Tisch
in der Mitte der Brust.

Die Sorgen begannen —
sie begannen immer.

„Es könnte so vieles passieren“,
sagten sie.
„Gefahr, Fehler, Verlust…
Wir müssen vorbereitet sein.“

Das Herz sah sie aufmerksam an,
wie man ein altes, vertrautes Gegenüber ansieht,
dessen Worte man kennt
und dennoch jedes Mal neu hört.

„Sag mir“,
sprach das Herz mit einer milden Stimme,
„was davon steht wirklich vor unserer Tür?
Und was sind nur Geschichten,
die du erzählst,
um dich nicht hilflos zu fühlen?“

Die Sorgen verstummten.
Sie sahen in ihre Hände,
als wären dort die Antworten verborgen,
doch die Hände waren leer.

„Ich… weiß es nicht“,
sagten sie schließlich.
„Manches ist wahr,
manches ist nur Vorstellung.
Aber ich kann den Unterschied manchmal nicht erkennen.“

Das Herz nickte.
„Das ist keine Schuld.
Das ist nur deine Natur.
Du willst schützen,
und darum wachst du zu früh auf
und arbeitest zu lange.
Doch du musst nicht alles allein tragen.“

Die Sorgen sahen auf.
In ihren Augen lag etwas,
das man bei Sorgen selten sah:
Erleichterung.

„Was ist dann meine Aufgabe?“,
fragten sie leise.

Das Herz antwortete:

„Sei meine Stimme,
wenn etwas wirklich beachtet werden möchte.
Aber komm nicht mit jeder Wolke,
nur weil sie sich am Himmel zeigt.
Du darfst da sein.
Aber du musst nicht herrschen.“

Die Sorgen legten langsam
ihre viel zu schweren Pakete ab.
Und als sie das taten,
merkten sie zum ersten Mal,
dass der Tisch ihre Last tragen konnte,
ohne daran zu zerbrechen.

Das Herz legte eine warme Hand
auf die Schulter der Sorgen
und sagte:

„Du darfst hier sein.
Du bist eine Stimme in diesem Inneren —
nur nicht die, die den Weg bestimmt.“

Und so saßen sie noch eine Weile beisammen,
die ewig wachsamen Sorgen
und das tiefe Herz.

Nicht als Gegner,
sondern als Gefährten,
die lernen, gemeinsam
durch ein Menschenleben zu gehen.

Und draußen,
in einer Welt voller Möglichkeiten,
ging die Nacht leise über in den Morgen.

Es war einmal

10.11.2026

Teil 1

Es war einmal ein Mensch, der glaubte, er sei seine Gedanken. Er sei das, was er über sich und die Welt dachte.

Bis er eines Tages an einem Tisch saß – mit seinem Ego, seinem Schmerz und dem Bewusstsein selbst.
Und erst in diesem Moment merkte er, dass er derjenige war, der all das sehen konnte.

Erstaunt sah er auf sein Denken und musste lächeln. Dann hob er den Blick zum Himmel – und musste wieder lächeln. Dann sah er in sein Herz und wieder lächelte er. Er sah sogar auf seine Geschichte und lächelte, nicht weil sie lachhaft war, sondern weil all das Teile seiner selbst waren.

Und er merkte, dass da etwas ist, das wahrnimmt. Doch wer ist es, das da wahrnimmt?

„Ich bin es“, sagte etwas in ihm. Ja – aber dieses „Ich“ war nichts Greifbares. Es war alles und nichts zugleich.

Es war das stille Dasein, das schon vor jedem Gedanken da gewesen war.
Ein Raum ohne Form, ohne Anfang, ohne Ende. Ein Nichts, das nicht leer ist. Ein Alles, das nichts festhält.

Und dann war es still.
Es blieb nichts mehr zu sagen und nichts zu denken. Und dennoch war noch immer all das da.

Gedanken. Ego. Schmerz. Geschichte. Himmel. Herz.

Alles vorhanden – aber nichts davon definierte ihn.
Alles durfte sein, weil da etwas war, das weit genug war, um alles zu tragen.

Und so sitzt er in dieser Stille – nicht als jemand, der etwas erreicht hat, sondern als jemand, der heimgekehrt ist.

Stille.
Wahrnehmen.
Raum.
Zeitlos.

Und dann läuft eine schwarze Katze vorbei …

…und sie bleibt genau in dem Moment stehen, dreht den Kopf, schaut ihn an – lange, ruhig, als würde sie alles wissen.
Kein Miauen, kein Fauchen. Nur dieses stille, alte Katzenblicken, das manchmal tiefer ist als jede menschliche Frage.
Dann setzt sie sich, putzt sich kurz hinter dem Ohr, macht eine winzige Pause – als würde sie sagen:„Na gut, du hast’s begriffen.“

Und ohne jede Eile geht sie weiter, als gehörte diese Stille genauso ihr wie ihm.

Ein kleiner, leiser Gruß aus einer Welt, die immer schon gewusst hat, dass Bewusstsein manchmal Fell trägt.

 

Teil 2

Nach der Stille, die alles weitet und nichts fordert, begann ein neues Fragen in ihm aufzutauchen. Nicht laut, nicht drängend – eher wie ein Echo aus dem Leben selbst:

“Kann ich diese Stille auch im Alltag bewahren?”

Es war keine philosophische Frage. Es war die Frage des Menschen in ihm. Die Frage jener inneren Figur, die sich so leicht von Gedankenketten forttragen lässt. Jener Teil, der manchmal glaubt, dass Bewusstsein ein besonderer Zustand sei, den man festhalten müsse.

Er lächelte, denn er erkannte: Diese Stimme gehört zu mir. Ein Teil von mir. Und das ist gut so.

Und in der Stille antwortete etwas, das nicht wie ein Gedanke klang und nicht wie eine Lehre wirkte, sondern eher wie eine Erinnerung:

Bewusstsein ist kein Zustand, den du halten musst. Es ist der Raum, in dem du den Alltag erfährst.

Der Alltag wird kommen. Gedanken werden entstehen. Manchmal werden sie wie Perlenschnüre gleiten, ruhig und klar. Manchmal wie ein Windstoß, der alles durcheinanderwirbelt.

Aber Bewusstsein geht dabei nie verloren. Du gehst nur kurz aus dem Blick.

Und jedes Mal, wenn du bemerkst, dass du dich hast mittragen lassen, kehrst du zurück. Nicht durch Anstrengung. Nicht durch Disziplin. Sondern durch ein sanftes Erinnern:

Da ist ein Raum in mir, der weiter ist als meine Gedanken. Ein Raum, der mich trägt, während ich lebe. Ein Raum, der still bleibt, auch wenn ich es nicht bin.

Und in diesem Erkennen löste sich die Frage selbst auf. Nicht, weil sie beantwortet wurde, sondern weil sie ihren Halt verloren hatte.

„Bewusstsein muss nicht festgehalten werden.
Es ist der Raum, der alles trägt – dich und mich.“

Die Dorf-Bibliothek

19.11.2026
Die Bibliothek war noch geschlossen, als der Mann eintrat.
Die Tür hatte nachgegeben, als hätte sie selbst geahnt, dass er heute jemanden brauchte, der zuhört.

Drinnen roch es nach Holz, Papier und einer Tasse Tee, die gestern Abend jemand vergessen hatte. Die frühe Sonne fiel durch das schmale Seitenfenster und ließ den Staub tanzen wie winzige Gedanken, die noch keinen Platz gefunden hatten.

Der Mann setzte sich an einen runden Tisch hinten im Raum.
Er war nicht alt und nicht jung, nicht besonders müde, aber auch nicht besonders wach. Er war schlicht jemand, der sich selbst nicht mehr gut hören konnte.

Er saß dort vielleicht eine Minute, vielleicht länger.
Bis die Bibliothekarin hereinkam und überrascht die Augenbrauen hob.

„Wir haben noch geschlossen,“ sagte sie freundlich.

Er lächelte entschuldigend. „Ich wollte nur … irgendwo sein, wo niemand sofort antwortet.“

Sie nickte, als hätte sie diesen Satz schon oft gehört.
Dann zog sie einen Stuhl heran, setzte sich ihm gegenüber, faltete die Hände im Schoß und schwieg. Einfach nur schwieg. Nicht abwartend, nicht nachdenklich, sondern gegenwärtig.

Nach einer Weile begann der Mann zu sprechen.
Ganz leise zuerst, dann fließender. Worte, die lange keinen Raum gehabt hatten, fanden plötzlich den Weg hinaus. Er sagte nicht viel und zugleich alles. Über Entscheidungen, die schwer waren. Über Erwartungen, die nicht seine eigenen waren. Über die Müdigkeit, immer funktionieren zu müssen.

Die Bibliothekarin hörte zu, ohne eine Miene zu verziehen.
Nur die Sonnenstrahlen auf ihrem Tisch bewegten sich, wanderten langsam auf das aufgeschlagene Buch vor ihr zu.

„Es ist seltsam,“ sagte der Mann irgendwann. „Je mehr ich rede, desto weniger habe ich das Gefühl, dass ich Antworten brauche.“

Die Bibliothekarin nickte kaum sichtbar. „Vielleicht,“ sagte sie leise, „weil Sie sich gerade selbst zuhören.“

Er sah sie lange an.
Kein Erkennen wie eine Erkenntnis, sondern wie ein leises Wiederfinden.
Etwas, das schon immer da war, nur überschattet von Stimmen, die lauter sein wollten als die eigene.

„Wissen Sie,“ sagte sie schließlich, „Menschen sind oft umgeben von Ohren, die antworten. Aber fast nie von Ohren, die hören.“

Er lachte leise. Ein warmes, befreites Lachen.
„Und Sie hören?“

„Nein,“ sagte sie. „Ich bin nur still genug, damit Sie sich hören.“

Draußen begann das Dorf zu erwachen. Stimmen, Motoren, Schritte – das übliche Leben.
Doch in der Bibliothek blieb die Stille noch einen Moment sitzen, als würde sie den Raum nicht so schnell verlassen wollen.

Der Mann stand auf, dankte ihr, und ging zur Tür.
Die Sonne draußen war heller geworden als beim Eintreten.
Nicht, weil sich das Wetter geändert hatte –
sondern weil er das erste Mal seit Langem wieder bei sich angekommen war.

Und die Bibliothek blieb zurück, mit ihrem Duft nach Papier und Tee,
als Ort, an dem man nichts erklären muss,
um endlich gehört zu werden.

Das Gespräch mit der Wahrheit

17.11.2025
Ein Kind stellte bei einer öffentlichen Versammlung eine einfache Frage:
„Warum lügen Erwachsene so viel?“
Niemand antwortete.
Manche lächelten verlegen, andere taten so, als hätten sie die Frage nicht gehört.
Ein Mann, der in der Nähe stand, beugte sich zu dem Kind und sagte ruhig:
„Menschen lügen, wenn sie Angst haben.
Wenn du nicht aus Angst lebst, wirst du Wahrheit sehen.“
Das Kind schaute ihn lange an.
„Heißt das, ich kann die Wahrheit finden?“
Der Mann schüttelte den Kopf.
„Man findet die Wahrheit nicht.
Man hört nur auf, sie zu verdecken.“
„Und wie macht man das?“
Der Mann antwortete:
„Indem du selbst nicht lügst.
Nicht vor anderen – und nicht vor dir.
Wenn du dir selbst gegenüber wahr bist,
erkennst du sofort, wann andere es nicht sind.
Und du nimmst es ihnen nicht übel.“
Das Kind überlegte.
„Und was ist mit den Erwachsenen? Warum ändern sie sich nicht?“
Der Mann lächelte leise.
„Weil sie glauben, dass Wahrheit etwas ist, das man besitzen kann.
Aber Wahrheit ist kein Besitz.
Sie ist ein Zustand.
Ein Mensch ist wahr – oder er ist es nicht.“
Das Kind nickte langsam, als hätte es etwas verstanden,
das nicht in Worte zu fassen war.
Und die Erwachsenen?
Sie redeten weiter, so wie zuvor.
Doch einer von ihnen – der Mann – dachte bei sich:
„Es beginnt immer bei einem Menschen, der nicht aus Angst lebt.“

Die Wahrheit auf der Wiese

15.11.2025

Die Wahrheit saß auf einer weichen Wiese,
als ein Politiker zu ihr kam.
Sein Schritt war entschlossen, sein Blick gewohnt, Menschen einzuschätzen.

„Wahrheit“, sagte er,
„wie kann ich mehr Einfluss bekommen? Wie erreiche ich, dass die Menschen mir folgen?“

Die Wahrheit sah ihn lange an. Nicht streng.
Nur so, wie etwas schaut, das nichts will.

„Warum möchtest du Einfluss?“ fragte sie.

Der Politiker zögerte.
„Weil man ohne ihn nichts bewegen kann.“

Die Wahrheit nickte, sagte aber nichts weiter.

Das Schweigen machte den Politiker unruhig. Er wartete auf eine Antwort, die ihm nützen würde.
Sie kam nicht.

Da kam ein Hirtenmädchen über die Wiese,
barfuß, mit einem kleinen Korb in der Hand.
Es sah den Politiker nicht einmal an,
setzte sich einfach neben die Wahrheit.

„Ich wusste nicht, ob du heute da bist“, sagte das Mädchen. „Ich wollte nur schauen.“

Die Wahrheit lächelte.

Der Politiker räusperte sich.
„Hast du keine Fragen an die Wahrheit?
Gar nichts, was du wissen willst?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Nein. Wenn ich bei der Wahrheit bin, fühlt sich alles richtig an. Mehr brauche ich nicht.“

Dann stand das Mädchen auf, strich der Wahrheit liebevoll über die Schulter und ging den Hügel hinunter, leicht wie ein Windhauch.

Der Politiker blieb zurück. Er sah dem Mädchen nach und dann zur Wahrheit.

Sie sagte immer noch nichts.

Und in diesem Nichts
lag alles.

Ein Psychologe und ein Zen-Mönch im Gespräch

20.8.2025

Der Psychologe schiebt seine Brille zurecht und sagt:
„Weißt du, ich habe Klienten, die brauchen Worte, Strukturen, Diagnosen. Ohne sie wären sie völlig verloren. Für sie ist die Sprache das Geländer, an dem sie sich festhalten.“
Der Zen-Mönch lächelt:
„Ein Geländer ist gut. Aber ein Geländer ist nicht der Berg. Manchmal muss man es loslassen, um wirklich die Aussicht zu sehen.“
Der Psychologe lacht, aber ein bisschen wehmütig:
„Du weißt schon, dass du damit gerade eine ganze Bibliothek von Fachbüchern in einem Satz aufgelöst hast?“
Der Mönch nickt und zwinkert:
„Und doch hast du sie gebraucht, um meinen Satz zu verstehen.“
Sie beide lachen. Dann sagt der Psychologe:
„Ich beneide dich manchmal. Du brauchst keine Tests, keine Tabellen. Du setzt dich einfach hin, schaust, atmest – und plötzlich wirkt alles klarer. Für mich braucht es oft viele Sitzungen, um dorthin zu kommen.“
Der Mönch erwidert sanft:
„Aber deine Menschen kommen mit gebrochenem Herzen, mit Geschichten voller Schmerz. Sie brauchen deine Geduld, deine Worte, dein Zuhören. Zen wäre für viele ein Sprung ins kalte Wasser – und nicht jeder kann schwimmen. Deine Arbeit ist wie eine warme Quelle, meine wie ein klarer See. Beide stillen den Durst.“
Der Psychologe lehnt sich zurück, bewegt:
„Also ergänzen wir uns.“
Der Mönch hebt die Augenbrauen mit einem leisen Schalk:
„Sag ich doch. Nur schreibst du dafür drei Bücher, ich verwende drei Silben.“
Und beide lachen wieder, diesmal herzlicher – wissend, dass die Wahrheit weder dem einen noch dem anderen allein gehört, sondern irgendwo dazwischen tanzt.
Sie treten hinaus, der Kies knirscht leise unter ihren Schritten. Der Garten liegt in goldenes Abendlicht getaucht, die Schatten lang, der Himmel von einem weichen Blau, das langsam ins Rosé hinübergleitet. Ein Windhauch bewegt die Blätter, als würde die Natur selbst zuhören.
Der Psychologe bleibt stehen, atmet tief durch und spürt, wie seine Füße fest auf dem Boden ruhen. Ein Teil von ihm möchte sofort beschreiben, wie wohltuend Erdung wirkt – doch er schweigt.
Neben ihm steht der Mönch, die Hände locker gefaltet, den Blick in die Ferne gerichtet. Beide hören das Zwitschern der Vögel, das Summen einer Biene, das leise Rascheln der Äste. Ein Klangteppich des Lebens, ohne Anfang und ohne Ende.
Für einen Moment gibt es kein Ich und kein Du, nur dieses gemeinsame Stehen. Die Körper fühlen den Boden, die Haut spürt den Wind, das Herz schlägt im Rhythmus des Lebens. Alles ist eins – das Denken still, die Gegenwart weit.
Dann sagt der Psychologe leise, fast wie im Traum:
„Wenn ich das analysiere, verliere ich es.“
Der Mönch lächelt kaum merklich. Er hebt die Hand, zeigt auf den Himmel, auf die Bäume, auf die Erde – und lässt die Hand wieder sinken.
„Hier“, sagt er. Nur dieses eine Wort.
Und in der Luft hängt ein Einverständnis, das größer ist als jede Erklärung:
Sie sind zugleich Teil des Lebens und Beobachter desselben.
Mal eins mit dem Strom, mal in stiller Betrachtung – frei, in jeder Sekunde neu zu wählen.
Am anderen Morgen: Der Mönch sitzt im Morgenlicht am Fuß des majestätischen Berges. Der Nebel hebt sich langsam, und die ersten Sonnenstrahlen legen goldene Linien über die Wiesen.
Er atmet tief ein – in diesem Moment ist er einfach nur: Körper, Atem, Raum. Kein Gedanke. Keine Bewegung. Nur Sein.
Dann öffnet er die Augen, schaut hinauf zum Gipfel. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht.
„Wie schön er da steht“, denkt er, „wie still er ruft.“
Ein Teil von ihm will bleiben, verwurzelt in der Stille, verschmolzen mit dem Augenblick.
Ein anderer Teil beginnt zu kribbeln, die Füße wollen gehen, der Körper will den Weg spüren, die Steine, den Wind.
Er lacht leise.
„Beides bin ich: der, der ruht, und der, der aufbricht.“
So macht er den ersten Schritt. Nicht, weil er „muss“.
Sondern weil das Leben im Raum zwischen Stille und Bewegung tanzen will.
Und während er geht, weiß er: weder das Sitzen noch das Gehen sind das Ganze.
Doch in der Offenheit, beides zuzulassen, zeigt sich das Geheimnis des Lebens – lebendig, atmend, unverfügbar und doch so nah. 🌿